Buch-Tipp:
Caroline Dangel, Michael-Burkhard Piorkowsky unter Mitarbeit von Thomas Stamm: „Selbstständige Künstlerinnen und Künstler in Deutschland - zwischen brotloser Kunst und freiem Unternehmertum?“, Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, 98 Seiten, ISBN 3-934868-12-6 (www.kulturrat.de; Schutzgebühr 7,00 Euro + 3,00 Euro Porto und Verpackung = 10,00 Euro)
Gerade ging es durch Medien: Künstler sind in der Mehrzahl - noch - immer Jongleure des Mangels. In diesem Jahr erwarten die KSK-Gemeldeten Jahres(!)einkommen von durchschnittlich 10.814 Euro, Literaturschaffende liegen höher, bildende Künstler bilden das Schlusslicht. Mit Literatur, Malerei, Musik oder Tanz sein Auskommen zu haben, vor allem eine Alterssicherung zu erwirtschaften, gelingt nach wie vor den wenigsten von ihnen. Die Professur für Haushalts- und Konsumökonomik an der Universität Bonn befasste sich unter Federführung von Prof. Dr. Michael-Burkhard Piorkowsky mit der Situation der freiberuflich Kreativen. Aktuell erschien beim Deutschen Kulturrat, unterstützt von ver.di, die Dokumentation der Untersuchung.
Auch wenn einem die Auswahl und Anzahl der Befragten - die 417 Befragten sind allesamt ver.di-Mitglieder, ein Problem, das von den Forschern selbst erwähnt und entschärft wird. Was die Umfrage auch nicht leisten konnte, war, eine gültige Definition „des Künstlers“ zu geben: wer Künstler ist, entscheidet das selber. Anders als in den sonstigen Berufen entscheidet nicht die Erwerbstätigkeit, sondern die eigene Einschätzung über die Berufszuordnung, ist damit nicht allein an den Erwerb gekoppelt. Anders ist aber auch die Fähigkeit zur Selbstmotivation - meist notgedrungen, gibt es im künstlerischen Bereich doch selten (eine Ausnahme mögen hier die darstellenden Künstler sein) Festanstellungen.
Unterm Strich fördert sie zwar wenig Überraschendes zutage, formuliert aber klar und deutlich, was alle schon immer vermuteten: Künstler sind überwiegend gut ausgebildete Idealisten. Zu allem Unglück werden sie schon in ihrer Ausbildung nicht zu wirtschaftlichem und Marketing-Denken angehalten; dies ist ein Manko, dass erst allmählich in den Ausbildungsplänen berücksichtigt wird. Entsprechend tragen viele der Befragten nicht allein zu ihrem Gesamthaushalt bei, Partner verdienen mit, Familienmitglieder und Kollegen leisten wesentliche Hilfestellung bei Problemen und Projektrealisierungen.
Nun werden „die Künstler“ in jüngster Zeit immer wieder als Paradebeispiel für den zukünftigen Kleinstunternehmer gehandelt, selbstausbeuterisch nach dem Motto: „Viel Spaß & Ehr’, wenig Kohle“. Das macht gerade Familienvätern zu schaffen, die nicht selten längere schöpferische Pausen einlegen, um anderweitig Geld zu verdienen. Worin allerdings Kreative tatsächlich eine Art Entwicklungs-Speerspitze darstellen, ist die Form ihrer „Unternehmen“: sie stützen die Theorie des „Haushalts-Unternehmens-Komplexes“, in dem private und geschäftliche Vorgänge auch betriebswirtschaftlich-steuerlich zunehmend kaum bis gar nicht mehr getrennt sind. Dies in Zukunft mehr zu berücksichtigen, ist damit auch Aufgabe öffentlicher Stellen und der Steuergesetze.
Fazit: Ein trockenes Buch mit vielen Statistiken, das man dennoch Künstlern empfehlen möchte. Belegt es doch nicht zuletzt mit Hilfe einer empirischen Untersuchung, was zuvor auf Mutmaßungen und Erfahrungsberichten basierte. So leistet es eine gute Grundlage für Überlegungen zur eigenen Selbstständigkeit, und zeigt damit auch indirekt auf, wo und wie Künstler sich besser positionieren sollten und können. Zugleich sind sie trotz ihrer Situation überdurchschnittlich willens, ihren nicht immer einfachen Berufsweg weiterzuführen: freie Zeiteinteilung und Selbstbestimmung stehen mit an erster Stelle bei ihrer Berufswahl. Damit sind die tatsächlich Pioniere der neuen (Arbeits-)Zeit, in der stärker als je zuvor auf Kommunikation, Vernetzung und Selbstverwirklichung gesetzt wird.
Text: Anne Katharina Knieß