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  FORTBILDUNG / FOTOKUNST

  Der große Sprung
Vom Fotografen zum Fotokünstler

erschienen in: Photographie (12/2004)

  Basis-Tipps
- Wer sich bei Galeristen, freien Kuratoren oder Ausstellungsinstitutionen vorstellen möchte, sollte einige Regeln beherzigen:
immer telefonisch Termin vereinbaren, pünktlich erscheinen bzw. rechtzeitig absagen
- als „Mappe“ ausgewählte Bilder (möglichst aus einer Serie) in Kopie zusammenstellen, dazu Lebenslauf, ggf. Veröffentlichungen
- Galeristen, Kuratoren, Museumsleute, Journalisten, die interessiert sind, immer mit kurzen und aktuellen Informationen zu Ausstellungen, Preisen etc.auf dem Laufenden halten.


„Leidenschaft“ ist einer der am häufigsten fallenden Begriffe, wenn man mit Foto-Künstlern und Galeristen über Erfolg spricht. „Fast missionarisch arbeite ich“, schildert der Münchner Galerist Peter W. Hartmann seine Arbeitsweise, „ich bedaure, dass die Leute Fotokunst links liegen lassen und möchte ihnen darum die Augen öffnen“.

Wie etwa mit den Werken des Fotografen Olaf Otto Becker (geb. 1959), den er entdeckte und seither fördert. Der Grafikdesigner schaffte sich finanzielle Freiräume, die ihm die fotografische Weiterentwicklung ermöglichen: „Ich habe es geschafft, die künstlerischen Fähigkeiten vom Gelderwerb freizuhalten“, eine notwendige Trennung, um eine „gewisse Tiefe“ in seiner fotografischen Arbeit zu erreichen.

Diese Trennung markiert jene feine Linie, die den Fotografen vom Fotokünstler unterscheidet. Viele stünden nämlich durch ihren Broterwerb - zumeist als Industrie- oder Werbefotograf - zu nah an der instrumentalisierten Seite ihres „Handwerkszeugs“, der Kamera, um ernsthaft Kunst zu betreiben. „Aufträge braucht natürlich jeder Fotograf“, meint Dr. Klaus Kleinschmidt, das Kunststück bestünde aber genau darin, „diese Brotjobs so zu bemessen und zu limitieren, dass man das andere - die freie Kunst - seriös machen kann“.

Kleinschmidt, der in Wiesbaden die Galerie Photonet betreibt, als Sachverständiger mit Schwerpunkt „Fotokunst des 20. Jahrhunderts“ tätig ist und unter anderem Paul Almasys Lebenswerk „ausgrub“, hebt unter den von ihm vertretenen zeitgenössischen Fotokünstlern Ramune Pigagaite, Jan Wenzel und Peter Granser hervor. Innerhalb kürzester Zeit konnte letzterer mit Unterstützung des Galeristen drei wichtige Fotopreise gewinnen, den „Arles Discovery Award“, den „Oscar Barnack Preis“ und den „World Press Award“. Wenn man vom Olymp der Fotografie träume - Granser habe ihn innerhalb von drei Jahren „abgeräumt“.

Überraschend ist eine solche Entwicklung auch für den Fotokünstler selbst. Olaf Otto Beckers Erfahrungen stützen Kleinschmidts Thesen: „Wollen allein nützt nichts, man muss hohe Ansprüche haben und hart und selbstkritisch daran arbeiten, dann erst stellt sich allmählich der Erfolg ein“. Bei ihm mag es die Unbedingtheit sein, mit der er sich regelmäßig in die einsame Natur zurück zog, die ihm zu Erfolg verhalf: Geradezu schlagartig wurden Medien (wie das SZ-Magazin) und Ausstellungs-Institutionen auf ihn aufmerksam, vergaben Aufträge.

Sicherlich tragen auch seine Auseinandersetzung mit essenziellen Lebensfragen (zwei Jahre Philosophie- und Religionswissenschafts-Studium) und mit zeitgenössischer Fotografie (er hat besitzt eine mehr als 700-bändige Fachbibliothek) zum Erfolg bei. „Nachempfinden, lernen, so zu sehen, wie es andere machen“, sich dann von den Vorbildern zu lösen - das sei eine weitere wichtige Schulung. Vor allem sei aber auch der Kontakt unter Kollegen, die kritische Auseinandersetzung mit ihrem und dem eigenen Werk sehr wichtig.

Ein „enormes Selbstwertgefühl, aber wenig Realitätsbewusstsein“ attestiert Burkhard Arnold („in focus Galerie“, Köln) vielen jungen Leuten. Die vergäßen schlicht, dass das „Aufbauen eine lange Wegstrecke“ ist, die man gemeinsam gehen müsse. Gerade Nachwuchs-Künstler müssten lernen zu verstehen, dass Galeriearbeit viel koste, weshalb er wie die anderen Galeristen in der Regel rund die Hälfte der erzielten Verkaufspreise als Provision nimmt, wobei der Galerist vom Gesamtpreis allerdings verschiedene Abgaben zu zahlen hat, u.a. die Mehrwertsteuer und die Künstlersozialkasse.

Die beste Chance, mit einem Galeristen oder einem freien Kurator (Ausstellungsmacher) ins Gespräch zu kommen, bietet ein professioneller Auftritt. Das fängt damit an, dass Fotografen sich genau mit der Szene, mit den gewünschten Galerien auseinander setzen, selbstkritisch einschätzen, ob sie wirklich in deren Programm passen. Eine gut gemachte Mappe - hier genügen in der Regel ein übersichtlicher Lebenslauf sowie ausgewählte Kopien insbesondere von Serien, großformatige Originale werden eher nicht gewünscht - sollte selbstverständlich sein.

Nicht nur Dr. Erika Wäcker-Babnik (Wäcker & Jordanow, Galerie für Fotografie, München) findet es nicht immer einfach, Absagen oder die Bitte um eine längere Frist des Kennenlernens zu formulieren: Sie muss Worte dafür finden, weshalb sich etwas gegebenenfalls nicht für ihre Galerie, ihr Galerieprogramm eignet; dem Bewerber gibt sie in diesem Fall Informationen und Alternativen mit auf den Weg. „Sofort beginnende Kooperationen sind eher die Ausnahme“, weiß auch Kleinschmidt. Schließlich zählen „für den Künstler meist das seriöse Programm und das Profil der Galerie, für den Galeristen das Potenzial und das Alleinstellungsmerkmal in der Bildsprache“.

Doch es muss ja nicht immer eine Galerie sein. An vielen Orten gibt es Fotoclubs, die auf mitunter hohem Niveau arbeiten und nicht nur für anspruchsvolle Laien, sondern auch für angehende Profis eine gute Startbasis bieten. Hier kann man starten, sich mit seinen und den Arbeiten anderer intensiv auseinanderzusetzen, man wird betreffs Ausstellungsmöglichkeiten, Fortbildungs- und Wettbewerbsangeboten auf dem Laufenden gehalten. So bieten viele Fotoclubs-Websites weiter führende Links, viele sind Mitglied im DVF (Deutscher Verband für Fotografie). Im Fotoclub Lichtbildnergruppe Esslingen e.V. etwa haben sich rund 45 Fotografen „vom blutigen Anfänger bis zum versierten Könner“ zusammen geschlossen. Der Club verfügt über eine ausgezeichnete Website, ein eigenes Fotostudio und -labor; darüber hinaus werden Vorträge (u.a. zu Fototechnik, digitaler Bildbearbeitung), Diskussionen, Exkursionen und Ausstellungen im lokalen Umfeld organisiert und angeboten.

Weiterhin sind Wettbewerbe und Preise eine gute Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen. Aber auch Messen wie die weltgrößte Fotomesse „photokina“, die alle zwei Jahre in Köln stattfindet, bieten ein gutes Kontakt-Forum. Wie etwa das Rahmenprogramm-Highlight, die „Visual Gallery“, eine Schau hochkarätiger Ausstellungen mit Meisterwerken der Auftrags- und der künstlerischen Fotografie sowie ausgezeichneten Nachwuchsarbeiten.

Burkhard Arnold, Ingrid Koppelmann und Inge Mißelbeck nutzen diesen international beachteten Rahmen für ihre „photofaircologne“ („Internationale Messe in Köln für zeitgenössische Fotografie ab 1945“). Unmittelbar neben der professionellen Messe mit internationalen Fotogalerien und einem belgischen Museum für Fotografie gibt die photofaircologne mit einem Förderprogramm für junge Kunst etwa zwanzig Fotokünstlern die Möglichkeit, sich mit ihrer Arbeit zu präsentieren. Eine Jury wählt die Kandidaten aus - dass diese einen Unkostenbeitrag von rund 120 Euro zahlen müssen, dient der „Vorab-Selektion“, wie es Arnold ausdrückt, denn nur wer bereit sei, einen entsprechenden angemessenen Betrag zu investieren, dem sei es auch ernst. Geboten wird wirklich viel: Begutachtung durch Profis, Zurschaustellung vor eigens eingeladenen Museumsleuten, Galeristen, Zeitungsredakteuren und Sammlern. „Hier müssen sie sich den Leuten stellen“, was enorm wichtig sei, „im Kunstbereich kommt man nur durch Kontakte weiter“. Und Interessierte können hier gleich „preiswert vom Erzeuger kaufen“.

Doch wie von der Kunst leben? Bei der Wertentwicklung eigener Arbeiten ist viel Geduld vonnöten. Wer ausschließlich von Fotokunst leben möchte, braucht zumeist ein festes Standbein außerhalb der Fotokunst. Von wirklich hohen Preisen, wie sie vor allem für Foto-Werke der Klassischen Moderne erzielt werden, können die meisten Fotokünstler nur träumen; so konnte Sotheby's 187.250 Dollar für Tina Modottis „Workers Parade“ und Christie's für „Standing Nude with Chair“ von Paul Outerbridge, Jr. 153.100 Dollar erzielen. Auch wenn einige zeitgenössische Künstler ähnlichen Erfolg haben - der Newcomer sollte sich nicht berechnend an Trends orientieren, Originalität, Hartnäckigkeit und Seriosität im Umgang mit dem beruflichen Umfeld sind das beste Rüstzeug für eine mögliche Karriere.

Text: Anne Katharina Knieß


Galerien

Galerie Hartmann, Neue Fotografie, Tel. 089-12717981, www.galeriehartmann.de

Galerie Photonet, Tel. 0611-5990701, www.photonet-online.de

in focus Galerie, Tel. 0221-1300341, www.in-focus-fotogalerie-koeln.de

Wäcker & Jordanow, Galerie für Fotografie, Tel. 089-50073979 www.waecker-jordanow.de

Fotografen

Olaf Otto Becker, Tel. 089-75900676, www.olafottobecker.de

Verbände

Deutsche Fotografische Akademie, www.deutsche-fotografische-akademie.com

Deutscher Verband für Fotografie e.V., www.dvf-fotografie.de

Fortbildung/Seminare

ArbeitsKreis für Fotografie: http://www.akf-fotoschulung.de/

weitere Adressen

www.photokina.de
www.visualgallery.de
www.co-berlin.de
www.fotografie-forum.de (sehr gute Adressen und Tipps)
www.foto.unibas.ch/~rundbrief/les79.htm (guter Beitrag von Klaus Honnef)

Wettbewerbe & Preise

www.fotografie-forum.de/index.php?cat=2 (aktuelle Auflistung)

Fotoclubs (eine Auswahl)

www.fotocommunity.de (avancierte Amateurfotografen)
www.bme-foto.de
www.bergedorfer-fotoclub.de
http://lichtbildnergruppe.de
www.kulturring.org/foto-medien.htm

Literatur-Tipps

Art and Photography, Hg. David Campany, Phaidon Verlag, ISBN 0714842869
(eine Zusammenfassung der Fotogeschichte von 1960 bis heute; englisch)

Goetz Buchholz, „Ratgeber Freie - Kunst und Medien“, Ver.di GmbH, 2002
(http://www.ratgeber-freie.de; die „Bibel“ für Freiberufler und Selbstständige), ISBN 3-932349-06-7
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